Die Journaille-Schleim-Top-5
16. Juni 2005, 22.55 Uhr von Sven Wagenhöfer“Mama, ich bin im Fernsehn!” schreit der Hinterwäldler aus Käsbach, wenn er auf dem Dorffest vom Lokalsender gefilmt wurde. Ist ja auch ne nette Sache, wenn man von den 600 Lokalzuschauern endlich mal in der Flimmerkiste gesehen wird. Das erhöht gleich den Status im Dorf. Aber auch Firmen wollen in die Presse. Am liebsten in die ganz große. Nur: Wie stellt man das am geschicktesten an?
Die Antwort gibt uns einer der CNet-Leithammel in seinem Artikel How to get your name in the paper. Den Realismus-Check gewinnt Michael Kanellos dabei wirklich. Von gut gemeinten Ratschlägen wie “Nur der heutige Tag zählt” über “Kenne deinen Ansprechpartner” und “Immer auf die Konkurrenz draufhauen” bis zu “Lass konstant spärliche Informationen raus” ist alles vertreten. Und alles ist aus dem Schreiber-Alltag bekannt und hiermit abgesegnet. Aber wie man sich die Journalisten wirklich zum Freund macht, darüber klärt unsere Journallie-Schleim-Top-5 auf.
Auf Platz 5 steht hier die nette Unterhaltung. Sei es nun am Telefon oder bei einem persönlichen Gespräch, der Schreiberling fühlt sich immer gut, wenn sich der PR-Mensch nett mit ihm unterhält. Und wenn es auch nur Smalltalk ist. Vor allem eins sollte man sein lassen: Immer den gleichen Spruch wiederholen und abblocken. Das gibt nämlich dicken Punkteabzug.
Auch mag es kein Journalist, wenn er an der Nase herumgeführt wird. Punkt 4 ist daher: Vertraue der Presse, wenns unter der Hand erzählt wird, bleibt es auch dort. Bestes Beispiel ist da die Telekom, die monatelang eine langsame DSL-Variante leugnete. Obwohl es schon jeder wusste. Ganz besonders den Satz “Darüber denken wir im Moment nicht nach” ein paar Tage vor der Produkteinführung kann keiner mehr hören.
Handfester wird es bei Punkt 3 - die Journaille braucht nämlich Spielzeug. En Masse. Und als erste. Ob man es behalten kann, ist dabei nebensächlich. Hauptsache man kann zwei Wochen vor der breiten Masse mit dem neuen Handy spielen. Arm, wenn Firmen dann Deutschlandweit nur eine Hand voll Testgeräte haben. A propos: Sony, ich warte immer noch auf den AIBO, den ihr mir auf der CeBIT versprochen habt! Ja, ich weiss, ihr hattet für ganz Deutschland nur drei, und einen hat ein Kollege kaputt gemacht. Aber irgendwann krieg ich den mal, oder?
Zusätzlich zu dem Produktproben will der gemeine Journalist natürlich alles noch billiger haben (das ist jetzt Punkt 2!). Ist ja klar, für irgendwas muss man diesen komischen Presseausweis ja haben. Und wenn eine Firma mit dicken Prozenten auf journalismus.com auftaucht, schreibt der nette Kritiker gleich freundlicher. Versprochen.
Doch am aller aller wichtigsten sind - tada - Messeparties. Genau, die Saufgelage, auf denen sich Presse mit Standbesuchern und Vorsitzenden die Kante geben. Alle gemeinsam. Wenn die stimmen, ist schon alles gewonnen. Nur deswegen fährt man doch zur CeBIT… oder habe ich da bisher immer etwas missverstanden?







17. Juni 2005 um 08.13 Uhr
Als Journalist bist du ein waschechter Profi, Wagenhöfer. Punkt 4 und 5 betreffen deine Arbeit, Punkt 1 bis 3 dein leibliches Wohl bzw. das deiner Brieftasche. So muss es sein! Dieses Hordenverhalten der Kollegenschaft kann man auch im Presserabatt-Abzock-Forum von journalismus.com Tag für Tag nachlesen.
Aber eigentlich ging es dir doch gar nicht um das J-Pack, sondern um die Damen und Herren auf der anderen Seite des Grabens. Meine persönliche Nummer eins ist da immer noch: “sie erhalten diese Meldung exklusiv”, wobei sich diese exklusive Meldung dann im Sechs-Stunden-Abstand auf irgendeiner anderen Website mit einem anderen exklusiven Detail finden lässt. Ärgerlich.