Mattscheibe

30 Tage Dünnpfiff

25. Juni 2005, 2.34 Uhr von Sven Wagenhöfer

Dass TV-Reportagen nicht immer den Anspruch auf gute Berichterstattung haben, dürfte inzwischen den meisten Privat-TV-Junkies klar geworden sein. Dass auf der Mattscheibe alles von “reißerisch” über “unfreiwillig komisch” bis hin zu “schlecht recherchiert” läuft, gehört auch zum allgemeinen Wissensschatz der TV-Zuschauer. Fast-Oscar-Gewinner Morgan Spurlock will jetzt allerdings alles Gewusste kippen - und erzählt 30 Tage Dünnpfiff.

30 days Logo
Quelle: tv.com

Was, Sie kennen Morgan Spurlock nicht? Der hatte eine eigentlich simple Idee: Mach es den Computerfreaks nach und friss 30 Tage nur Fastfood. Genau. NUR Fastfood. Von McDonalds. Und danach mach einen Film aus deinen Erlebnissen und kassiere die fette Kohle. Nette Idee, nett umgesetzt, eigentlich eine einmalige Sache. Dachte zumindest jeder, der die Burger-Parade, bei der Spurlock seine Gesundheit riskierte und das übergewichtige Amerika aufklären wollte, mit einem fetten Whopper in der Hand gesehen hatte.

Überraschung: Spurlock is back. In seinem neuen Format “30 days” setzt er sich und auch andere wieder 30 Tage irgendeiner abstrusen Situation aus - und will damit erzählen, was in Amerika wirklich schief geht. Doch schon in der ersten Folge setzte sich Spurlock gewaltig in die Nesseln. Einen Monat beschränkte er sich mit seiner Freundin auf Billig-Lohn-Jobs (wieso kam er da nicht zu uns bei netzausfall?).

Klar, nach einem Krankenhausbesuch war alle Kohle wech, Schulden massenweise. Ätschi-Bätschi, Nasezeig. Denn Spurlock konnte wieder in seine schöne Wohnung zurück. Wie haben sich da wohl die Millionen Amerikaner gefühlt, die mit ein paar Kröten pro Woche ihr ganzes Leben auskommen müssen?

Pseudo-Wichtiger wird es dann in der zweiten Folge: Schwabbelbauch-Mann macht 30 Tage Anti-Aging mit Testosteron und Wachstumshormonen, Fitness-Training und Nahrungsergänzung. Ergebnis: Der Bauch schrumpft, aber genauso die Leberfunktion und die Zahl seiner Spermien. Er fühlt sich besser, aber seine Frau will noch ein viertes Kind - Programmabbruch. Spurlock meint: Anti-Aging macht schlanker und außen hui, aber innen definitiv pfui. Ende der Analyse.

Aha. Und was fehlte da jetzt? Genau, Vergleichswerte. Massenexperimente. Denn ist eventuell sowohl Sport als auch Anti-Aging individuell? Geht’s vielleicht auch nur mit Sport und ohne die Pillen und Spritzen? Sieht so seriöse Berichterstattung und Reportage aus? Alles Fragen, die sich mir nach der Sendung stellten, Spurlock allerdings unbeantwortet lässt. Schade eigentlich. Aber für mehr hat wohl auch die Kohle von Spurlock nicht gereicht. So kratzt er leicht am Boden der Probleme und bleibt zu seicht, um den nachdenkenden Zuschauer zufrieden zu stellen - und um bestehende Überzeugungen über TV-Reportagen zu kippen.

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