Tschüss, Tageszeitung. Oder: Redakteure auf die “Rote Liste”?
29. Juni 2005, 0.49 Uhr von Sven WagenhöferEin bedrückendes Zukunftsszenario: Alle Nachrichten werden nur noch in einer großen Redaktion (nach deren Gutdünken) thematisch angeschnitten, der Rest erledigt der Computer. Aus Textbausteinen, verknüpften Informationen wie persönlichen Erfahrungen und Blogs aller Welt sowie Internetseiten werden die Nachrichten der Zukunft geschrieben. Wenn die Vision zweier amerikanischer Journalisten Realität wird, könnte der “homo scriptoris” bald der Vergangenheit angehören.

Quelle: EPIC 2014
Das Konzept von “EPIC 2014″ ist ganz einfach. Webdienste verknüpfen sich immer weiter und schaffen Synergieeffekte. Algorithmen kreieren für jeden Benutzer individualisierte Nachrichten anhand seiner Persönlichkeits- und Nutzerprofile. Am Schluss steht der Information-Overdose, die Nachricht komplett aus der Retorte. Gar nicht so unwahrscheinlich, sagen Branchenvertreter gegenüber dem Spiegel - der Trend geht in genau diese Richtung.
Müssen wir als Vertreter der schreibenden Zunft und also Sorgen um unsere Jobs machen? Ein Blick 50 Jahre zurück schafft Klarheit. Denn ähnliche Diskussionen wurden sicherlich auch bei der Erfindung und Verbreitung des Fernsehens geführt - warum sollte noch jemand Zeitungen lesen, wenn er jeden Abend die wichtigsten Neuigkeiten komprimiert und mit bewegten Bildern vorgelesen bekommt? Dennoch sind die Kioske voll von nationalen Zeitungen und auf den meisten Frühstückstischen liegt die aktuelle Lokalausgabe.
Zugegeben, auch diese befüllen Ihren Bestand größtenteils aus (überarbeiteten) Agenturmeldungen. Doch wenn über die Grillparty im Hasenzüchterverein berichtet werden soll, muss immer noch ein Journalist anwesend sein. Ja, auch das wollen die Leute lesen. Und auch bei großen Weltnachrichten steht hinter jeder Meldung mindestens ein Mensch, der Wichtiges von Unwichtigem trennt und die Nachricht in Worte fasst.
Ob diese Informationen dabei von einem Profi oder dem bloggenden Enkel des Chefs kommen ist keineswegs zweitrangig. Denn nicht nur die reine Information zählt für den Leser, sondern auch die Kenntnisse des Hintergrundes und vor allem die “Schreibe”, die geschickte Formulierung und das Herzblut, das im Artikel steckt - kurzum: jahreslanges Training. Denn wie schon Kollege Giesecke feststellte, ist nicht jeder Blogger auch gleich Journalist.
Und wie sollen Computer das alles lernen? Bis Algorithmen wirklich die Qualität erreichen werden, um gute Glossen, kritische Hintergrundbetrachtungen und anteilvolle Reportagen zu schreiben, die sich nicht in vielen Sätzen überschneiden, werden noch einige Tageszeitungen auf den Tisch kommen. Wir werden also auch weiterhin bestimmt gebraucht. Glück gehabt.





29. Juni 2005 um 11.47 Uhr
Gut auf den Punkt gebracht, Wagenhöfer. Ich lese schon seit Jahren keine Tageszeitungen mehr. Aus Prinzip. Die klauen mir nur Zeit. Apropos Zeit, DIE ZEIT lese ich nach wie vor. Jede Woche. Und zwar in der gedruckten Form. Dort finde ich dann auch Hintergründe, die das tägliche Nachrichtenangebot im Internet nicht deckt.
Allerdings glaube ich nicht, dass Google News und Co Angebote wie Spiegel Online, sueddeutsche.de und news.bbc.co.uk verdrängen kann. Ohne ein ausreichendes Angebot an guten News ist auch ein News-Aggregat nur eine Nullnummer. Google News ist gut, um noch weitere Quellen zum selben Thema zu finden. So nutze ich es, und nicht anders.