PRopaganda

Die Freitag-Frei-Strategie

5. Juli 2005, 0.24 Uhr von Sven Wagenhöfer

Jeder Schreiberling ist irgendwie abhängig von den Pressestellen. Denn die Leutchen von der “anderen Seite” verschicken lobpreisende Pressemitteilungen und geben bei Fragen gerne Auskunft. Meistens zumindest. Wenn es zu ihrem Vorteil ist auf jeden Fall. Und wenn nicht, dann ist halt auch mal Freitags schon frei - man hat es sich ja schließlich verdient.

Bestes Beispiel für Aktionen dieser Art war letzte Woche die GEMA mit ihren Internetzensurbemühungen. Was genau bemüht wurde, darüber wurde schon an anderer Stelle berichtet und kommentiert. Allerdings wieder typisch: Der böse Brief kommt am Donnerstag, die Magazine berichten am Freitag, und Kollege Pressemann ist beim Angeln. Oder ständig im Meeting. Oder eben einfach nicht zu erreichen.

Das umgekehrte Phänomen ereignet sich immer bei Produktneuheiten, gerne auch vor einer Messe. Da ist die Pressestelle wahrscheinlich auch mitten in der Nacht besetzt oder klingelt schon morgens Punkt acht Uhr noch vor dem Wecker durch. Auch gerne Samstags, immer anrufen, es gibt ja was neues tolles überdimensionales, das der brave Journalist in die Welt posaunen soll.

Mich persönlich ärgern diese Drückeberger. Wer in der PR arbeitet, hat sich auch den Konsequenzen der Firmen-Aktionen zu stellen. Eben auch unbequeme Anrufer und Nachfragen geduldig zu ertragen, auch mal kleine Popelmagazine zurückzurufen und sich der Kritik zu stellen, vor allem aber nicht immer die Sekretärin zum Abwimmeln vorschicken. Ja, sogar Freitags. Denn der ist eben nicht immer auch wirklich ein Frei-Tag. Schon gar nicht, wenn’s drauf ankommt.

5 Antworten zu “Die Freitag-Frei-Strategie”

Avatar Peter Giesecke meint:

Gut gebrüllt, Wagenhöfer, schau mal auf die Uhrzeit deines Eintrags. Ich hoffe mal, du erwartest nicht, dass dir auch zu dieser Nachtzeit noch ein Pressesprecher Rede und Antwort steht. Was regst du dich auf? Freitagmittag ist halt schluss. Bei Behörden allemal. Und man kennt doch langsam die Unternehmen, die es ebenso handhaben (die Ex-Behörden zum Beispiel). Würden die bis abends um sechs arbeiten, würde eben auch die Pressemitteilung entsprechend später rausgehen. Das ist halt PR-Strategie.

Avatar Sven Wagenhöfer meint:

Giesecke, es geht hier nicht primär um die Tatsache, dass Pressefrauen auch mal nachmittags nicht da sind um zum Frisör zu gehen. Sondern allein um Kausalitäten. Genau, Aktion und Reaktion und so Sachen. Ob das jetzt PR-Strategie, ein Dummer-Jungen-Streich, Journaille-Veräppelung oder einfach nur frech ist - das sollten am besten die Leser der Meldungen für sich entscheiden.

Michael Müller meint:

Ich kann dem Autor aus Erfahrung voll und ganz zustimmen. Wobei ich sagen muss, dass die dem Journalisten entgegen gebrachte Kompetenz mit der Zeit, dem zwischenmenschlichen Status Quo sowie der Größe des Verlages wächst.

Ansonsten: alles eine Frage des Durchhaltevermögens. Man muss auch mal lästig sein. Nicht umsonst ist das Journalistentum das Bindeglied zwischen Wirtschaft und Volk, ein Detektiv contra Schein und pro Wirklichkeit.

Victor Brindisi meint:

Einwerfen möchte ich hier, dass die GEMA keine Behörde ist und auch keine war. Bei denen war, so heißt es, am Freitags Betriebsversammlung. Gutes Timing.

Avatar Ali Mente meint:

Der GEMA muss man auch zu Gute halten, dass es gar nicht geplant war, dass das Thema vor Montag über die Ticker läuft. Der Brief traf wohl bei einigen Providern am Mittwoch, bei manchen erst am Donnerstag ein. Tatsächlich meldeten sich die erste Redaktion nach Auskunft der Pressestelle bereits Donnerstag gegen 17 Uhr bei der GEMA. Freitag gegen 10 Uhr war dann das erste Statement draußen beim Schreibervolk und danach wurde es eben schwer die Pressestelle zu erreichen, schließlich ist die GEMA (fast) eine Behörde und Freitag ist da nicht mehr viel zu machen…

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