Knall dich selbst ab - aber hurtig!
13. August 2005, 11.52 Uhr von Sven WagenhöferKunst ist so ein mehrschneidiges Schwert. Die einen können gar nichts damit anfangen, die anderen wieder lieben Barocke-Gemälde mit üppigen Frauen und die nächsten finden moderne Aktionskunst klasse. Computerspiele sind auch Kunst - sagen zumindest diejenigen, die jahrelang Programmcode für einen Shooter oder ein Rollenspiel geschrieben haben. Wirkliche Spiele-Kunst will jetzt der Designer Julian Oliver entwickelt haben - und wirft mit seinem Second Person Shooter die gängige Perspektive bei Ballerspielen um.

Quelle: golem.de
Ja, ein Perspektivenwechsel kann manchmal gut tun. Dann kann man die Welt und/oder ein Problem mit anderen Augen sehen und auf neue Gedanken kommen. Hat sich wohl auch Oliver gedachte, der endlich einmal zeigen will, wie sich das fliehende KI-Opfer in Shootern fühlt. Aus dessen Augen sieht man nämlich die Szenerie. Das Alter Ego des Spielers ist natürlich dennoch vorhanden, man steuert den Pixelmann aus der ungewöhnlichen Perspektive und versucht, sich selbst abzuknallen.
Das macht in der Version von Oliver allerdings nicht besonders viel Spaß - junge Shooter-Spezialisten (oder E-Sportler, wie die sich heutzutage nennen) werden dem Grafikkollaps schnell Rücken kehren und sich wieder realistischerem Pixelblut zuwenden. Auch Oliver sieht in seinem Werk eher einen “complete and total pain in the arse.”
Gefundenes Fressen allerdings könnte das “Spiel” für unsere Politiker werden. Denn die dürften, sobald sie von der Idee Wind bekommen, die neue Perspektive loben. Mit ein paar Milliönchen Forschungsetat ist daraus auch sicherlich eine schöne Version gezaubert, die endlich einmal unserer gewaltbereiten Jugend zeigt, wie sich die Opfer in den (bösen!) First-Person-Shootern fühlen. Dazu muss das ganze natürlich realistischer werden und vor Pixelblut nur so triefen - die Besoffen-Fahren-Daher-Unfall-Filmchen zeigen ja auch keine schöne heile Welt sondern blutige Tatsachen.
Wer das dann gespielt hat (zum Beispiel als Zwangsinhalt in bayrischen Schulen) darf doch so schnell keinen Shooter mehr anfassen. Könnte man meinen. Allerdings ist den meisten Zockern dann doch bewusst, dass ihre Opfer, sind sie auch noch so realistisch auf den Monitor gezaubert, lediglich Pixelmatsch angetrieben von ein paar tausend Zeilen Programmcode sind. Und eben doch keine echten Lebewesen mit Gefühlen. Deshalb hoffe ich dann doch, dass kein Bildungs- oder Familienminister Olivers Spiel entdeckt und vermarkten will. Denn damit könnte man sich noch lächerlicher machen, als es die derzeitige Einstellung über Gewalt in Computerspielen jetzt schon tut…




