Terror in Hamburg. Oder nur ein Error?

26. August 2005, 16.40 Uhr von

Da unterhalten sich drei Personen an der Bushaltestelle in einer fremden Sprache. Sie können frei reden, es versteht sie ja niemand. Die Komik läge nun darin, wenn einer der Passanten plötzlich antworten würde. Ätsch, ich habe alles verstanden. Nun hat sich das vielleicht wirklich so zugetragen. Im Hamburg. Aber der Passant ging zur Polizei. Da versteht jemand, was andere auf arabisch sagen. Also spricht er selbst arabisch. Er ist der gute Araber. Und dann sind da noch die bösen Araber. Hat da etwa die Palästinensische Volksfront die Volksfront von Palästina belauscht?

Fahndungsfotos der gesuchten Araber
An der Bushaltestelle arabisch gesprochen (Quelle: Spiegel Online)

Nicht ohne Grund siedelt Spiegel Online die Meldung im Panorama an. Tagesschau.de ist der Polizei-Großeinsatz heute mittag kein eigener Beitrag wert, sondern verlinkt auf Seiten des NDR. Was ist denn nun wirklich geschehen? Der sprachkundige Passant ist natürlich kein Araber, sondern Nordafrikaner. Die Polizei schätzt seine Aussage als glaubwürdig ein, über Indizien lässt sich diese sogar belegen. Aber auch um ein Missverständnis kann es sich handeln. Also ist man genauso klug wie zuvor, veröffentlicht Fahndungsfotos und schickt 1.000 Polizisten zum Einsatz raus.

Wird da etwa mit Kanonen auf Spatzen geschossen? Das sicher nicht. Entweder gibt es keine Spatzen oder eine immense Terrorgefahr. Das weiß nicht einmal die Polizei. Die Medien wissen das erst recht nicht. Es geht auch gar nicht um Aufklärung oder Terrorabwehr, sondern um die Schlagzeile. Darüber sollte man mal einen Film drehen.

Auch zum Thema: Hoffentlich nur Pausenbrote im Rucksack

Update: Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es sich um einen Error gehandelt hat. Die drei vermeintlichen Bombenleger waren kurz in Polizeigewahrsam, befinden sich nun aber wieder auf freiem Fuß.


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7 Antworten zu “Terror in Hamburg. Oder nur ein Error?”

marco meint:

tach,

an sich finde ich deine gedanken gut und richtig – möchte jedoch deine einschätzung ein wenig geraderücken. die tatsache, dass tagesschau das thema nicht selbst mit ner geschichte aufmacht, hat einfach mit der föderalen struktur der öffentlich-rechtlichen zu tun. das thema ist in hamburg passiert und von hauptsächlich lokalem interesse, deshalb berichtet der ndr drüber und ts verlinkt nur. ist absolut üblich bei regional begrentzen themen. anders sieht es aus, wenn das thema überregional interessant wird, beispielsweise, wenn wirklich ein attentat stattgefunden hätte. ansonsten: danke für die verlinkung ;-)

gruß mm

Life in Babylon meint:

Hamburg: Terrorabwehr oder Trainingseinheit?

Nach Angaben von Polizei-Vizepräsident Michael Daleki hatte ein glaubwürdiger Arabisch sprechender Zeuge bereits am Mittwochabend gegen 20.30 Uhr am Hamburger S-Bahnhof Holstenstraße im Stadtteil Altona drei Männer beobachtet, die sich in arabischer Sp…

Avatar Peter Giesecke meint:

Die erste Meldung hat tagesschau.de durchaus unter eigener Flagge gebracht. Die Auslagerung der weiteren Meldungen an den NDR war für mich ein Zeichen, dass die Geschichte keinen wirklichen Nachrichtenwert hat. Ebenso wie die Einordnung ins Ressort Panorama bei Spiegel Online. – Das Tagesschau-Prinzip hatte ich schon verstanden. Blöd finde ich es trotzdem.

marco meint:

das mit der auslagerung hat dann eher mit der besetzungsstärke zu tun. wenn bei ndr online keine kapazitäten im regio-team frei sind, sagen wir tagesschau bescheid, und dann machen die das selbst. und ndr online ist auch nur bis 22 uhr besetzt, tagesschau.de rund um die uhr. ansonsten hast du natürlich recht.

Avatar Peter Giesecke meint:

Ah, das wusste ich noch nicht. Das ist also anders herum, als ich mir das gedacht hatte. Ich finde es schon interessant, wie wenig Texte die Redaktionen eigentlich selbst erstellen. Spiegel Online hat diesen Sommer zum Beispiel sehr schön mit Texten von Kooperationspartnern überbrückt.

Avatar Alexander meint:

Die bizarrste Phase dieser Meldung war übrigens die, in der eine Nachrichtenagentur über Aussagen in “arabisch-albanischem” Akzent berichtete. (Und nun stellt sich die spannende Frage, wie man die ganzen Bilder von drei unbescholtenen Leuten wieder aus dem Internet herausbekommt.)

Gerald Trost meint:

Zum Nachdenken:
Die komplizierten Sprachen Deutsch, English, Spanisch, Französisch usw … werden von vielen Arabern und Türken verstanden.
Die können viele internationale Webseiten lesen.
Aber wieviele Mitteleuropäer verstehen die einfache Sprache Arabisch?
Wieviele Mitteleuropäer wissen eigentlich, daß Arabisch und
Türkisch völlig unterschiedliche Sprachen sind?
Wieviele Mitteleuropäer können arabische oder türkische
Webseitenb lesen?
Ich erkenne Aufholbedarf (auch für mich selbst), damit wir Mitteleuropäer auch in Zukunft noch “mitreden” können …

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