Journaille | Wem gehört's?

Sind alle Journalisten Raubkopierer?

22. Oktober 2005, 0.28 Uhr von Sven Wagenhöfer

Im Rahmen einer Berichterstattung muss man schon mal Grenzen überschreiten. Ob das jetzt, wie bei Boulevardblättern üblich, persönliche Grenzen sind oder die der eigenen Faulheit, wenn ein Artikel unbedingt fertig werden muss, hängt schwer vom Themenumfeld ab. Aufpassen sollte man allerdings bei rechtlichen Grenzen - denn die gelten auch und gerade für die Medienmacher.

Aufforderung zur Raubkopie?
Aufforderung zur Raubkopie? (Screenshot: netzwelt.de)

Mir persönlich wurde von drei Chefredakteuren immer eingeschärft, bloß keine Rechtsberatung zu geben. Weder in einem Artikel noch in der Leserpost - denn dafür gibt es ja schließlich Anwälte. Die wissen genau, wovon sie reden - oder sollten es zumindest. Und den Anwalt des Vertrauens sollte Kollege Schreiberling auch konsultieren, wenn er sich an “heiße” Themen wagt - Raubkopieren und der Verweis auf entsprechende Seiten sind da ein gutes Beispiel.

Dass man den Benutzer nicht direkt auffordern sollte, Tauschbörsen und ähnliche schwarz-gräuliche Internetbereiche zu nutzen, sollte jedem Mitglied der (technischen) Schreibzunft klar sein. Was aber, wenn man im Rahmen der Berichterstattung mal eben auf illegale Software zurückgreift - und dem Leser auch noch erklärt, dass er dies selbst tun muss kann? Irgendwie eine Zwickmühle - sowohl für die Rechtssprecher als auch für den ViSdP.

Ein schönes Beispiel ist ein Artikel von Christian Rentrop bei der netzwelt, in dem er ein Tutorial zum Eigenbau eines Apple-PCs gibt. Die ersten beiden Seiten füllt er mit Informationen, welche Ex-Intel-Hardwarekomponenten für ein Mac-OS-X-System mit x86-Prozessor geeignet sind.

Aber natürlich klar: “Das gepatchte DVD-Image “Tiger for x86″ gibt es in den einschlägigen Tauschbörsen” - eine Quelle, die nach den Screenshots zu urteilen auch Rentrop angezapft hat. Auch wenn es eine “inoffizielle” und “nicht legale” Version von OS-X ist, wie er selbst feststellt. Dennoch gibt es seiner Meinung nach natürlich Gründe, einen “echten” Apple zu kaufen: Garantie, Unterstützung und Design. Der Preis spricht natürlich für den Selbstfrickel-Mac - so der Kollege in seinem Fazit. Und die Legalität - die kümmert niemanden?

Ist das ganze jetzt eine normale Berichterstattung, für die auch das illegale Downloaden eines gepatchten Betriebssystems statthaft war? Oder regt der Artikel vielmehr User, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen, dazu ein, eben mal eine Raubkopie zu ziehen? Darüber kann und darf (siehe oben) ich nicht urteilen. Als Chefredakteur hätte ich den Artikel aber sicherheitshalber nicht veröffentlicht - selbst als einer eines so Tauschbörsen-affinen Magazins wie der netzwelt. Denn auch Apple hat bestimmt gute Anwälte.

2 Antworten zu “Sind alle Journalisten Raubkopierer?”

Avatar CRen meint:

Tja, so ist das nunmal. Und bisher hat sich Apple auch noch nicht gemeldet ;-)

Avatar mspro meint:

Wie ist das mit eigentlich Links auf eine Website, die in ihrer Link-Policy ausdrücklich daruf hinweist, dass sie nur mit einer voher gegebenen schriftlichen Genehmigung verlinkt werden soll? Beispiel: ADAC (hehehe)
Ich, jedenfall, finde das sowas von absurd, dass ich und ein paar andere Blogger die Aktion “Don’t link to ADAC” ins Leben gerufen haben.

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