Delphi-Bill. Oder: Die Zeitung wird wegorakelt
28. Oktober 2005, 0.07 Uhr von Sven WagenhöferZukunftsvoraussagen sind immer heikel. Auch wenn sie vom Microsoft-Chairman Bill Gates kommen. Ein Beispiel: Schon vor Jahren wurde das “Papierlose Büro” ausgerufen. Trotzdem stapeln sich hier bei mir immer noch Ausdrucke, und auch meine Telekom-Rechnung hefte ich lieber in den guten alten Analog-Leitz. Jetzt proklamiert Gates die “Papierlose Zeitung”.

Das Bill-Gates-Orakel (Bild: Microsoft)
Orakelt wurde ja schon öfter, was denn passieren würde, wenn die reine Online-Information überhand nimmt. Dass dieser ein immer größerer Stellenwert in unserer Informationsgesellschaft zukommt, ist keine Frage. Denn minutiöse Aktualität, absolute Verfügbarkeit und vor allem Auswahl an Meinungen bietet so kein anderes Medium - vor allem kein gedrucktes.
Ich allerdings will nicht meinen ganzen Informationsdurst rein durch den Bildschirm befüllen. Zwar überschlage ich die News-Seiten in der c’t, da ich diese Informationen schon lange vorher über den Ticker genossen habe. Hintergrundberichte, Reportagen und Editoriale will ich aber auch in Zukunft in gedruckter Form lesen. Denn die sind sowohl im Bett, im Arzt-Wartezimmer als auch im Fastfood-Schuppen da - ohne dass ich Sorge um Akkuladungen oder Pixelfehler haben muss.
Hat sich Bill Gates also ver-orakelt? Nur zum Teil. Denn ob man die Information auf Papier oder im elektronischen Wege verschickt, hängt natürlich vom Verwendungszweck ab. So kann eine Online-Büchersuche durchaus das Stöbern im Bibliothekskatalog ersetzen - aber längst nicht das Buch im Bücherregal. Gerade wenn Informationen verknüpft werden sollen oder eben zeitkritisch sind, eignet sich die elektronische Form.
Ich wäre nur gespannt, ob man in 400 Jahren ebenso noch die Bits der Blog-Einträge von heute lesen kann - die gleiche Zeitspanne hat das rein geschriebene Wort von Shakespeare zumindest überdauert. Noch länger die Geschichten vom Delphi-Orakel. Ob man das in 2000 Jahren dann mit Bill Gates vergleichen wird?





28. Oktober 2005 um 20.50 Uhr
Die eigentliche Frage sehe ich gar nicht mal darin, wo und wie man in Zukunft die Zeitung liest (parallel zur Printausgabe bieten jetzt schon manche Zeitungen eine günstigere Onlineausgabe an). Ich glaube, dass sich die Texte ändern werden. Diese werden immer kürzer werden. Vor zehn Jahren gab es in der ZEIT regelmäßig Texte, die über zwei Seiten gingen. Heute findet man dort als längste nur noch einseitige Artikel, dann auch noch mit Bildern bestückt. Wenn wir in Zukunft die Zeitung als PDF lesen, wird das Bildschirmformat vielleicht schon die Obergrenze für einen Artikelumfang werden.