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In die Röhre geschaut: Abschied vom Free-TV

30. November 2005, 17.25 Uhr von

Handy, DSL, Fernsehen – wer technisch auf der Höhe der Zeit ist, nutzt alle drei. Doch wer sich in meinem Alter befindet (die werberelevante Zielgruppe!) ist nur mit dem Fernsehen aufgewachsen. Und von der Einführung der Privatsender abgesehen hat sich in den letzten Jahrzehnten dort nicht allzu viel getan. Auch wer heutzutage eine technische Fachzeitschrift aufschlägt, sucht eher nach Neuerungen beim Breitband-Internet oder das neueste Handy. DVB-T, HDTV und LCD-Fernseher sind keine Revolutionen, sondern etwas, dass der Kunde mitnimmt, weil es einfach da ist. Und doch rumort es.

Setop-Box
Free-TV: Die Freiheit des Zuschauers, monatlich drei Euro zu zahlen. Die Freiheit des Senders, Aufnahmen zu unterbinden

Ich glaube es gibt zwei Gründe, dass auch in der Fernsehlandschaft eine Revolution bevorsteht: 1. Festplattenrekorder und 2. das Internet. – Im heimischen Wohnzimmer wird der Festplattenrekorder den DVD-Player genauso ablösen, wie dieser zuvor den Videorekorder abgelöst hat. Mein Punkt ist gar nicht, dass die Zuschauer nun die Werbung ‚überspulen‘ können (das ging bisher auch schon), der Kunde nimmt das Programm selbst in die Hand. Es wird nicht mehr nur eine Sendung aufgenommen, sondern nach Stichworten sortiert alles, was dem EPG (Electronic Program Guide) unter die Finger kommt. Der Zuschauer schaut dann abends nicht mehr, was vom Sender ausgestrahlt wird, sondern was auf der Platte liegt. Und notfalls kann man sich den Stoff über Video-on-Demand ins Haus holen: einen Film oder die komplette Staffel einer Serie. Für die Sender ist dies ein Kontrollverlust, der weit über das hinausgeht, was jetzt schon im täglichen Quoten-Ranking passiert.

Das veränderte Sehverhalten ist deshalb auch so bedrohlich für die Sender, weil der Festplattenspieler in jeder Wohnung Einzug halten wird – auch bei Tante Erna und Onkel Klaus. Wenn beide wie eh und je die teuer verkauften Werbeminuten anschauen würden, wäre es auch fast schon egal, dass ihr Sohn im Kinderzimmer sich die neuesten US-Serien aus der Tauschbörse zieht.

Gestern und heute geisterten nun Meldungen durchs Internet, die beiden privaten Sendergruppen RTL und ProSiebenSat1 wollten ihre Programme verschlüsseln, die über Satelliten ausgestrahlt werden. Der für den Empfang notwendige Decoder mit entsprechender Smartcard sei für monatlich drei Euro zu haben – zusätzlich zur GEZ-Gebühr. Mit anderen Worten: Das Free-TV werde nicht mehr kosten-frei sein. Telepolis rechnet genüsslich vor, dass das Fernsehen dann soviel wie ein Hamburger und eine Cola kostet. Nett ist der Vergleich allerdings nicht gemeint, aber viel zu kurz gegriffen. Es geht gar nicht ums Geld. Deshalb kamen laut Spiegel Online und heise online auch umgehend das Dementi der Sender. Es geht um Kontrolle.

Thomas Knüwer vergleicht die Verschlüsselung mit kostenpflichtigen Angeboten im Internet. Seiner Meinung nach „ist absehbar, dass das klassische Modell (Sendung – Unterbrechung – Leute bleiben dran und gucken Persil – Sendung geht weiter) auf Dauer nicht mehr funktionieren wird.“ Er vermutet, dass mit der Verschlüsselung der Sender die Zugriffszahlen sinken würden. Das sehe ich nicht so. Technik ist bekanntlich kompliziert, es hat sich aber stets diejenige Technik durchgesetzt, die sich einfach bedienen ließ. So wird es auch mit den Setopboxen sein. Sie werden von anfänglichen Fehlversuchen abgesehen in einer idiotensicheren Form angeboten werden. Dennoch wird es für die Sender nicht einfacher werden, denn die Werbekunden werden nur für die Werbeminuten zahlen, die auch tatsächlich gesehen wurden. Der Sender hat zwar den Vorteil, seinen Werbekunden genauere Zahlen präsentieren zu können, dann entsteht aber auch der gleiche Druck, dem Websites unterliegen, die auf Teufel komm raus Seitenaufrufe erzeugen müssen.

Die Gebühr für die Decoder wäre wohl auch nicht erhoben worden, um leere Kassen zu füllen, sondern um die Kosten für die Decoder zu mindern. Erst mit darauf aufsetzenden Diensten könnte man Geld verdienen: Fußball, US-Serien, Video-on-Demand. Aber um diese Dienste verkaufen zu können, muss man beim Kunden erst einmal einen Fuß in der Tür haben: Wer sich einen Decoder anschafft, hinterlässt seine Daten. Über die Smartcard ist sogar jeder Kunde zu identifizieren. Und jeder Aufnahme könnte ein digitales Wasserzeichen aufgeprägt werden. Wird dann eine Kopie vom bösen Anwalt aus einer Tauschbörse gefischt, weiß er auch, über wessen Decoder die Sendung empfangen wurde. Das Ende des Free-TV bedeutet nicht, dass es nicht mehr kosten-frei ist, sondern dass die Freiheit endet, das Programm anzuschauen, wann und wo man will.



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3 Antworten zu “In die Röhre geschaut: Abschied vom Free-TV”


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