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Die Blogosphäre vermisst ihren Augstein

20. Januar 2006, 11.58 Uhr von

Neulich im Ortsverein: Die Urkunden zur 40-jährigen Mitgliedschaft werden verteilt. Im festlichen Rahmen versteht sich. Und die geehrten erinnern sich an die gute alte Zeit. Als man die Wahlwerbung noch im Kinderwagen von Haustür zu Haustür schob. Und für Willy und eine bessere Welt kämpfte. Mehr Demokratie wagen! Hieß es. Auch DonAlphonso bedankt sich. Nicht ein Räuspern, sondern ein Disclaimer leitet seine Dankesrede ein: „Es gibt Beiträge, da denkt man, lass es, da kommen nur wieder die alten Säcke von damals und kriegen sich nicht ein. Damals, als die Blogosphäre noch klein war, sehr klein? aber andererseits, was soll´s, zum Teufel damit.“

Rudolf Augstein
Der Willy Brandt der bloggenden Deutungshoheitsbeansprucher: Rudolf Augstein
(Bild: Spiegel Verlag)

Früher war alles besser. Wissen wir. „Die Blogosphäre ist schon jetzt so gross, dass man tagelang durch Blogrolls streifen kann, ohne auch nur eines der sog. ‚bekannteren Blogs‘ zu entdecken.“ Aha! Und das soll nun schlecht sein? Warum sollten sich denn alle (nachwachsenden) Blogs an einigen A-Bloggern orientieren? Wer ist denn überhaupt ein A-Blogger? Macht Johnny etwa den Augstein? Wen gibt denn dann DonAlphonso? Bob Woodward? Und wer macht den Springer? Die Blogspähre ist doch keine Verlagswelt im Miniaturformat. Schließlich will nicht jeder Blogger ein Märklin-Journalist sein. Einige schon.

„So spielen etwa die in der öffentlichen Diskussion stehenden Blogs bei Hostern wie Myblog.de absolut keine Rolle, und ganze Szenen hängen fast hermetisch abgeschlossen in diesem Raum.“ Vor ein Jahren gab es zuhauf Berichte, dass die Verlinkung im Internet nicht gleichmäßig verteilt ist, sondern Websites Schwärme bilden. Und DonAlphonso wundert es, dass sich Blogs ähnlich organisieren. Dass fünf Freunde ihre Blogs ausschließlich untereinander verlinken. Dass fast jeder das Bildblog in seine Blogroll aufnimmt. Dass Onlinejournalisten gerne das Geschreibsel der Kollegen lesen. Kollektives Eierkraulen kennt man doch schon vom Fußball.

„Natürlich verschwinden alte A-Lister nicht von heute auf morgen im Meer der anderen Blogs, aber angesichts der Gesamtgrösse nimmt die Bedeutung der einzelnen stark ab.“ Yep. „Für die alten ‚Alphatiere‘, die früher vergleichsweise leicht in der Blogosphäre ‚die Themen‘ setzen konnten, bedeutet das eine starke Einschränkung von Einfluss.“ So langsam kommen wir zum Punkt. „Ich würde so weit gehen wollen zu sagen, dass es heute nicht mehr möglich ist, weder gezielt auf ‚Impact‘ zu bloggen noch Meinungsführerschaft zu erreichen, von Deutungshoheit ganz zu schweigen.“ Angekommen. Da ist wohl jemandem der Spiegel zerbrochen.

Dass die Blogsphäre – und auch die A-Blogger allein – nicht zum Verlagswesen taugen, habe ich oben bereits angedeutet. Als Chefredakteur eines Onlinemagazins hat man am Tag eine bestimmte Anzahl an News zu veröffentlichen. Und die großen Themen dürfen dabei selbstverständlich nicht ausgelassen werden. Als Blogger können die mich mal kreuzweise, da schreibe ich, wann es mir passt. Füße hochgelegt und ein Bierchen gezischt. Die Blogsphäre funktioniert auch ohne mich sehr gut. Ohne DonAlphonso übrigens auch. Diese Erkenntnis kann ganz schön bitter sein.

Der Werbeblogger ist sicherlich kein A-Blog. Wer auch immer das bestimmt. Und dennoch hat der Heidi Klum ihr Vater sein Rechtsanwalt keinen bösen Brief geschrieben, obwohl der Alte sich tierisch aufgeregt hat. Ich habe selbst schon solche Schreiben auf dem Tisch gehabt. Rechtsanwälte verdienen gerne Geld, auch wenn es aussichtslos ist. Der Anwalt hat diesen Brief aber nicht geschrieben. Das finde ich bemerkenswert. Egal, ob der Werbeblogger ein A-Blog ist. Erst die Vernetzung in der gesamten Blogsphäre hat die Öffentlichkeit erzeugt, vor der man sich in Bergisch Gladbach in Acht nehmen sollte. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, dass ich nicht darüber berichtet habe (hätte ich doch bloß mehr Zeit und Ruhe gehabt). Oder wer auch immer.

Aus diesem Grund lese ich übrigens auch mehrere Blogs, aber nur ein Nachrichten-Magazin. Und wenn ich beruflich nicht mehrere TK-Magazine lesen müsste, würde ich auch nur eines verkonsumieren und die ganzen Print-Abos kündigen. Das Schlusswort hat wieder DonAlphonso. „Das chaotische, plutalistische, selbst eregulierende Antikollektiv hat die Diven, die Vorreiter, die ‚Deutungsmafia‘, um nachmal so ein altes Wort zu gebrauchen, obsolet gemacht.“ Wenn jetzt nur noch die alten Säcke in den Chefredaktionen und anderen Ortsvereinen endlich Platz machen würden… Ach, jetzt habe ich doch das letzte Wort gehabt.



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2 Antworten zu “Die Blogosphäre vermisst ihren Augstein”


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