Spiegel Online: Ab in die Nachreife

7. September 2006, 18.32 Uhr von

Always change a running system. Oder zumindest: always optimize a running system. Das müssen sich jetzt wohl die SpOn-Webentwickler anhören, wenn ich mir als eben solcher die neue Spiegel-Online-Seite nach dem Relaunch anschaue. Über die inhaltlichen Veränderungen und Verbesserungen hat sich Kollege Giesecke ja schon ausgiebigst ausgelassen. Und in vielen Punkten muss ich ihm auch zustimmen – die Seite ist klarer, einfacher zu navigieren und wirkt frischer. Aber technisch hat SpOn noch einiges aufzuholen – weiter als Web 2.0 ist man gewiss noch nicht, vielleicht gerade mal bei Web 0.9 angelangt.

Abstandprobleme bei Spiegel Online
Spiegel Online nach dem Redesign: Probleme beim Abstand
(Screenshot von Spiegel Online, links IE, rechts Firefox)


Das fängt schon bei Kleinigkeiten an, die mich auf den ersten Blick stören. Die Schlampigkeit zum Beispiel, mit der die SpOn-CSS-Gurus an Abstände und ähnliches herangegangen sind. Die sind nämlich nicht Cross-Browser-Kompatibel, was verhindert, dass die Seite in allen Browsern gleich aussieht. Gut, dem normalen Nutzer wird es nicht auffallen, der bleibt in der Regel bei seinem Standard-Browser. Aber wenn man bedenkt, dass genau diese kleinen Kritteleien die meiste Zeit bei jeglicher CSS-Bastelei verschlingen, kommt schon die Frage in den Sinn: Nicht gekonnt, nicht gewollt, oder einfach egal gewesen?

Allgemein scheint die Seite für den Firefox und Opera entwickelt worden zu sein ? oder eben für den IE7, den ich mir noch nicht installiert habe. Das wundert mich ein wenig, optimieren doch große Seiten oft auf den IE. Auf den zwei Erstgenannten wirkt die Seite einfach schöner. Die Abstände innerhalb der einzelnen Elemente sind gefälliger, die Linien in der Sidebar passen auf den Punkt und damit gibt es keine hässlichen Ecken wie im Internet Explorer. Und vor allem: es gibt keine Renderfehler! Durch irgendeinen Code-Matsch rendert der IE die Seite falsch, zeigt manche Links im unteren Seitenrand an, die nicht da hin gehören. Ziemlich komisch, ich wüsste auf den ersten Blick auch nicht, woran das liegen kann. Darf aber bei einer so großen Seite eigentlich nicht passieren.

Spiegel Online nach dem Redesign: Rendering-Fehler beim IE
Spiegel Online nach dem Redesign: Rendering-Fehler beim IE
(Screenshot von Spiegel Online, links IE, rechts Firefox)

Zu den Kleinigkeiten allerdings gehört nicht, wenn man weiter als Web 2.0 sein will, und immer noch auf HTML 4.01 mit Tabellenlayout setzt. Und trotz des alten Standards immer noch über 200 Validierungsfehler auf der Seite hat (der CSS-Validator vom W3C will übrigens gar nicht validieren ? das liegt vielleicht an den Kommas im Dateinamen). Oder das angedeutete Blättern-Spielzeug auf der Startseite, das man mit AJAX so schön, benutzerfreundlich und sinnvoll nutzbar hätte umsetzen können, das dann aber doch nur nutzloser HTML-Ballast geworden ist. Auch die nicht vorhandene Barrierefreiheit, die das Blog Behindertenparkplatz ganz zu recht kritisiert, passt nicht ganz in den Hochmut, mit dem der Spiegel-Chefred sein neues Kind beschreibt. Der sich übrigens nebenbei bemerkt mit seinem “Profi”-CMS Vignette immer noch ein eigenes Bein stellt ? das bietet nämlich weder sinnvolle URLs an noch optimiert es die Seite mit News-Spezifischen Keywords oder vernünftigen Tags für Suchmaschinen. Da scheint man wohl zu sehr auf seine Stammleser zu vertrauen.

Zu Web 2.0 gehört eben einfach mehr, als optische Effekte (der Verlauf im Header ist übrigens das einzige wirklich moderne optische Element, das mir aufgefallen ist), AJAX-Spielereien und Social Networking. Denn das hätte Spiegel sicherlich auch hinbekommen oder arbeitet noch daran, wie zum Beispiel die Multimedia-Rubrik zeigt. Zu Web 2.0 gehört sauber zu arbeiten, alles auf der technischen Ebene besser machen als andere, und eben noch einen Tick innovativer zu sein als der Rest. Das schafft Spiegel zumindest (meistens) mit ihren Inhalten ? aber technisch noch nicht. Vielleicht dann mit der Version 8.0. Ich bin gespannt.


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7 Antworten zu “Spiegel Online: Ab in die Nachreife”

robson meint:

oh ja, spiegel online ist ja soo schlecht – web 0.9…tzz.. bastel dir erstmal ein ansprechendes logo

fu meint:

du bist echt voll der checker. meine fresse

Avatar flo? meint:

Ich möchte kurz den Code-Matsch erklären, der mir als Entwickler auch schon öfter untergekommen ist:

Zu viele “floats”, dazu inline JavaScripte und Kommentare und obendrauf das ein oder andere “display:none;” bringen den IE 6 in arge Bedrängnis.
Der weiß dann gar nicht mehr, was Sache ist und wiederholt Elemente. das ist unschön.

Aus gut unterrichteter Quelle weiß ich jedoch, dass die Entwickler beim Spiegel sich des Problems bewußt sind – nur gegen die vielen Inline-Scripte ist man gerne mal machtlos, wenn man nicht alles im Code in der eigenen Hand hat.
Ich spreche da aus Erfahrung.

Soweit dazu. :)

Michael Müller meint:

robson unterstreicht eindrucksvoll meine These zur nicht existenten SpOn-Kommentarfunktion:
http://www.netzausfall.de/2006/09/06/spiegel-online-gereifte-schoenheit/#comment-4841

*duck* :-)

Avatar Sven Wagenhöfer meint:

Flo, dass es gerade bei großen Projekten nicht immer einfach ist, sowas durchzufühern, ist mir auch bewusst. Das habe ich zum Beispiel beim Relaunch von onlinekosten.de, der auch “Live” durchgeführt wurde gemerkt – da mussten wir auch nachträglich noch das eine oder andere ausbessern. Aber bis auf den Werbungs-Code sollte ein Web-Chef doch wirklich alles bestimmen können (von Redakteuren die kein HTML können mal abgesehen), oder nicht? Da darf ihm auch der Chefred oder Verlagsleiter nicht reinreden, bis auf die großen, richtungsgebenden Entscheidungen, welche diese dann natürlich absegnen müssen.

Manchmal ist es auch einfach sinnvoll, ein System komplett neu aufzusetzen, das erspart mehr Arbeit und Ärger als es bringt. Das Redesign von SpOn ist wohl eher ein (umfangreiches) Facelift auf altem System. Deine gut unterrichteten Quellen kannst du aber mal fragen, welchen Browser sie zum Entwickeln nehmen – das würde mich dann doch mal interessieren ;-)

hier meint:

leute, sucht euch mal einen anständigen job und vertrödelt nicht eure umfangreiche tagesfreizeit mit hirnrissigen diskussionen über spiegel online. echt.

Avatar flo? meint:

AHHH! Ich hasse es. Alles nochmal neu. Scheiß Mathefrage.
Also.
Hi Sven.
So.
Meine Quelle nutzt natürlich den Firefox zum entwickeln, und danach den IE, um dort auftretende Probleme zu fixen.
Natürlich sollte man als Entwickler immer die macht über den Code besitzen, aber es ist halt so, dass es gerade bei “großen” Projekten viele Faktoren zu beachten gibt, auf die man nicht unmittelbar Einfluß hat. Und dazu glaube ich, dass die Web-Entwicklung beim Spiegel nicht halb so hohes Ansehen hat, wie die Redaktion. Daher: Content first, HTML und Schönmachen later. ;)
Ich kann Dir aus eigener Erfahrung berichten, dass es sogar möglich ist, eine “große” Seite barrierearm und fehlerfrei hinzubekommen. bei arena.tv war ich maßgeblich beteiligt.
Insofern: Alles wird gut. ;)

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