Der sanfte Start des Economist
18. November 2006, 20.00 Uhr von Heike HöschelMit “gravierenden Veränderungen auf unserer Seite” innerhalb der letzten 10 Tage hat der Economist versucht, seine durch die Strategie der Auflagensteigerung während der letzten 10 Jahre aufgebauten Versäumnisse in Sachen Internetpräsenz wieder wettzumachen. Das meint zumindest John Micklethwait im Interview mit SpOn. Ob ihm das mit der Einführung seines neuen Blogs “Free Exchange” sowie dem Korrespondententagebuch auf Dauer gelingen wird, muss sich jedoch erst noch zeigen.

Der Economist-Internetauftritt - 10 Jahre verschlafen? (Screenshot von economist.com)
Zugegeben, innerhalb einer Woche 5000 registrierte Nutzer für ein Blog zu gewinnen, ist schon beachtlich. Um eine richtige Community aufzubauen, bedarf es jedoch mehr als registrierten Nutzern - registrieren kann man sich heutzutage schließlich immer und überall. Also kurzerhand die Probe aufs Exempel gemacht und auf www.economist.com nachgeschaut.
Und siehe da, der Economist hat nicht nur die letzten 10 Jahre verschlafen. Nein, sein Chefredakteur hat auch noch die letzten Wochen verschlafen, denn den Blog gibt es bereits seit dem 24. Oktober (kann man nachschauen, wenn man ihn dann endlich gefunden hat). Auch die Beteiligung der 5000 registrierten Nutzer hält sich in Grenzen. Viele der eingestellten Artikel sind gar nicht oder nur spärlich kommentiert. Dies zeigt einmal mehr, dass registrierte Nutzer nicht mit aktiven Nutzern gleichgesetzt werden können.
Und wenn ich schon mal dabei bin, dann schau ich mir doch auch die anderen Aussagen von Herrn Micklethwait etwas genauer an. So heißt es unter anderem: “unser Internetauftritt ist schon profitabel […]” und “[…] zwei Millionen Leser[…] (besuchen) unsere Seite mindestens einmal im Monat […]”.
Nun ja, 2 Millionen Leser - das hört sich schon ganz nett an - bei einer der “renommiertesten Zeitschriften der Welt” (so Spiegel Online) allerdings doch noch etwas mager. Aber man hat ja gerade erst angefangen. Wenn man dann aber noch liest, dass dazu auch diejenigen zählen, die nur einmal im Monat auf die Seite schauen, dann ist das doch ziemlich enttäuschend. Wie die Internetseite mit so (vergleichsweise) wenigen Lesern profitabel sein kann, wo doch laut Herrn Micklethwait ein Online-Leser nur ein Zehntel eines Zeitschriften-Lesers wert ist, wird mir denn auch nicht so ganz klar.
Auch scheint der Economist-Chef ziemlich blauäugig an einige Dinge heranzugehen - oder weiß er etwas, was ich nicht weiß? So ist er jedenfalls der Überzeugung, dass Internetnutzer, die zuverlässige Hintergrundinformationen suchen, “auf unser Internetangebot zurückgreifen” werden. Da musste sich Herr Kazim von Spiegel Online hoffentlich nicht zu sehr auf die Zunge beißen bei soviel zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein. Hoffen wir also, dass der “Hurrikan Internet” Herrn Micklethwait nicht allzu hart trifft und der Economist nach seinem sanften Start nicht mit einer turbulenten Landung auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt.





