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Spiegel Online und das Boulevard

29. November 2006, 17.04 Uhr von

Schöne Schande“ – treffender lässt sich wohl nicht beschreiben, welche Richtung Spiegel Online eingeschlagen hat. Schöne Schande, geil und verwerflich, damit befinden wir uns mitten auf dem Boulevard, pardon, Panorama heißt es doch bei Spon. Klingt auch viel besser.

Screenshot von Spiegel Online
Auf dem Boulevard bedarf es keiner Worte: Werbung und Titten reichen
(Screenshot von Spiegel Online)

Niemand erwartet, unter www.spiegel.de eine Onlinekopie des Printmagazins „Der Spiegel“ zu erreichen. Mir geht es mit dieser Feststellung nicht um die wöchentliche bzw. tägliche/kontinuierliche Erscheinungsweise, sondern um die Themenwahl. Es ist nun mal so, dass Der Spiegel mit Politikthemen aufmacht, während auf Spiegel Online nach den Topthemen als erstes das Ressort Panorama erscheint. Stars und Sternchen gehören nun mal zum Onlineauftritt wie die unvermeidbaren Fotostrecken von roten Teppichen und anderen Modenschauen.

Und zu jeder Onlinemeldung gehört ein Bild. Und wenn im Panorama ein Artikel „Schöne Schande“ heißt (später in „Porno-Skandal im Gottesstaat“ geändert), dann gehört auch dort ein Bild dazu. Niemand erwartet eine Karte mit den iranischen Staatsgrenzen oder ein Porträt des Präsidenten, sondern ein Standbild aus dem ‚Porno‘. So ist das online. So ist das auf dem Boulevard.

Ein Bild sollte aber den Text unterstützen, am besten eine eigene Information enthalten. Und wenn ich mir das Standbild anschaue, dann sehe ich da etwas, das ich so im Text nicht finde. Aber ich sehe auch die kleine Lupe unter dem Bild, die mich zu einer Großbildansicht führt. Wozu das denn? Nur um den sabbernden Voyeurismus zu bedienen? Damit man den beiden, die nun von Peitschenhieben und Steinigung bedroht sind, ins Gesicht sehen kann? Oops, es ist ja nur das Gesicht der Frau zu sehen und nur ihre …

Screenshot von Spiegel Online
Screenshot von Spiegel Online

Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum täglichen Seite-3-Girl. „Susi (18) lispelt. Saure Sahne bereitet ihrer Zunge aber keine Probleme.“ Muss ich demnächst so etwas auf Spiegel Online lesen? Bitte nicht.

Dies ist nur ein Zeichen neben anderen, dass Spiegel Online mit einer wachsenden Leserschaft auch seine Ausrichtung geändert hat. Die neue Zielgruppe der Spätonliner wird man doch noch bedienen können, das wäre doch gelacht. Gelacht habe ich über das neue Satire-Ressort, ehrlich gesagt, noch nicht. Ich habe lange keine Titanic mehr zur Hand gehabt, aber so schlecht waren die doch nie, oder? Was ich auf SPAM gesehen habe, ist jedenfalls nur harmlos-langweiliges Sternniveau. Mehr nicht.

Ich bin gespannt, welche massentauglichen Einfälle Spiegel Online noch so in den Sinn kommen werden. Und wie immer an dieser Stelle folgt der Aufruf an Zeit, SZ und andere, ihr Newsportal endlich mal auf ein lesbares Niveau zu heben.



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