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Das neue Zwei-Spalten-Layout auf Zeit online

15. Mai 2007, 13.27 Uhr von

Über das Zwei-Spalten-Layout an sich lässt sich nicht mehr viel sagen. Es hat sich einfach bewährt. In unruhigen Aufteilungen mit vier Spalten oder mehr, verliert sich die Aufmerksamkeit unnötig. Der Sinn eines Layouts mit zwei Spalten ist die Fokussierung auf die wichtigen Inhalte. Es gibt eine Haupt- und eine kleinere Nebenspalte. Das hat natürlich auch Zeit online verstanden. Aber wie wurde es beim Redesign umgesetzt?

Screenshot von Zeit online
Wohin soll ich zuerst schauen? Links oder rechts?
(Screenshot von Zeit online, Hervorhebung durch Netzausfall)

Was auf den ersten Blick auffällt: Zeit online möchte es anders machen. Anders als wer? Anders als Spiegel Online! Denn daran orientieren sich die meisten Newsportale bei einem Redesign. Oft handelt es sich nur um die Variation eines Grundmusters, des Spiegel-Online-Grundmusters. Abgesetzt wird sich im Detail. Zeit online möchte sich ein wenig weiter absetzen. Fast schon trotzig wird die Hauptspalte nicht ganz nach links an den Bildschirmrand gesetzt und rechts durch eine Boxenleiste ergänzt. Zeit online macht es umgekehrt. Der Leser merkt: Hoppla, hier ist etwas anders. Das muss nicht schlecht sein.

Dennoch unterliegt es keiner Beliebigkeit, wie herum man die Spalten setzt. Wer einzelne Programmfenster nicht über den ganzen Bildschirm öffnet, sondern gerne übereinanderlegt, weiß zu schätzen, wenn der Text, den er gerade liest, am linken Bildschirmrand klebt, während rechts der Instant Messenger geöffnet ist oder ein Video abläuft. Mit Zeit online wird das schon etwas schwieriger.

Mich persönlich betrifft das nicht, ich versuche immer nur eine Sache nach der anderen zu machen. Es könnte mir egal sein, wie herum die Spalten angeordnet sind, ist es aber nicht. Ich lese sehr viel am Bildschirm, und ich lese sehr schnell. Man könnte sagen, ich scanne die meisten Seiten in Hinsicht auf brauchbare Texte oder Links. Mein Auge sucht nach einer Linie, die es entlang fahren kann.

Spiegel Online gibt mir diese (mehr oder weniger). Mein Auge startet beim Logo links oben und fährt, während ich scrolle, einfach nur senkrecht die Seite hinunter. Jeder neue Artikel, jeder Link, den ich schon kenne, wird im Wortsinn überflogen. Ist etwas neu und interessiert mich, reicht ein kurzer Rechtsklick mit der Maus und ein „Open Link in New Tab“, schon geht die Reise weiter.

Bei Zeit online erblickt mein Auge zuallererst das Logo, das schöne Logo der Zeit, und wandert dann rechts rüber zum Aufmacher. Daran könnte man sich gewöhnen, wenn man dann wie bei Spiegel Online einfach nur die Seite runterscrollen müsste, um alle (neuen) Inhalte zu erfassen. Aber irgendwie kann ich mich nicht entscheiden: Aufmacher rechts, Zeit News links. Was ist neu? Was ist wichtig? Mir konkurrieren da zu viele Inhalte um die gleiche (!) Aufmerksamkeit.

Da lässt sich jetzt trefflich gegenargumentieren: Das sind doch ganz andere Inhalte und in unterschiedlicher Größe dargestellt. Das eine ist Qualität von der Zeit, das andere bloß vom Tagesspiegel angeliefert. Alles schön und gut. Mein Auge springt trotzdem hin und her. Auf einen Blick erfassen, was da los ist? Nee, geht leider nicht. Jedenfalls nicht so einfach wie bei Spiegel Online.

Im Redaktionsblog Zeitansage habe ich gelesen: „Wirklich misstrauisch wurden wir, als ein von uns eingeladener Website-Kritiker feststellte, dass ZEIT online bei ihm manchmal einen herrlich unaufgeräumten Eindruck hinterlasse.“ Dieser Kritiker hat in dem Zusammenhang bestimmt zum Zwei-Spalten-Layout geraten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er gemeint hat, die zwei Spalten mit den bisherigen Inhalten so zuzustopfen wie die Gans kurz vor Vollendung der Stopfleber.

Eine erkennbare Struktur innerhalb der einzelnen Spalten fehlt gänzlich. Auch das hat Spiegel Online schon besser vorgemacht. Dort sind die einzelnen Ressorts auf der Startseite vorbildlich geblockt. Kompakt wäre der richtige Ausdruck. Zeit online hat einen neuen dunkelgrauen Hintergrund gewählt, auf dem ein weiterhin weißes Blatt liegt. Warum werden keine Zwischentöne in grau genommen, um die einzelnen Ressorts oder Themen besser herauszustellen? Warum wird nicht mit noch mehr Whitespace, also mit größeren Abständen zwischen den einzelnen Elementen gearbeitet? So, wie es ein Markenzeichen der gedruckten Zeit ist.

Screenshot von Zeit online
So wandert mein Auge: auf Umwegen
(Screenshot von Zeit online, Hervorhebung durch Netzausfall)

Das bezog sich jetzt fast alles auf die Startseite von Zeit online. Schaue ich mir einen einzelnen Artikel an, verhält sich vieles gleich. Das Auge wandert: links oben das Logo, links darunter eine Werbung im Rectangleformat, rechts daneben das breitformatige Bild zum Artikel. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die Überschrift des Artikels noch nicht gelesen. Und überhaupt die Werbung vor dem Artikel wahrgenommen.

Es mag sein, dass dies eine bessere Klickrate bringt, aber im Bewusstsein prägt sich mir die unmittelbare Nähe von Zeit-Logo und Werbung ein. So etwa empfinde ich sonst nur bei Blättchen, die Schaufenster oder ähnlich heißen.

Ich will hier nicht nur schlechtes sagen. Bin ich im Artikel angekommen, fühle ich mich wohl. Besser als auf Spiegel Online. Die Texte von Zeit online sind einfach gut. Und blendet man das Drumherum aus, sind sie auch typografisch gut gestaltet. Ich bin da zwar kein Fachmann, aber mir gefällt es. Aber das war eigentlich auch schon vor dem Redesign so.



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